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Hörend singen und singend hören

Stimmbildung für Chorsänger hat oft den Beigeschmack einer trockenen Pflichtübung. Das geht auch anders. Ein Seminar mit dem Musikpädagogen Uli Führe in Schweich hat gezeigt: Auch bei der Stimmbildung kann die Musik im Mittelpunkt stehen.

Stimmbildung muss keine Trockenübung sein: Die Teilnehmerinnen singen eine Komposition von Trainer Uli Führe. Wie mühelos dieser unscheinbare Mann mit dem leicht gebückten Gang und dem schlohweißen Haar die Menschen begeistern kann! Uli Führe gelingt das mit zwei, drei Gesten, mit kleinen Pointen und mit einer schwer bestimmbaren, aber überzeugenden Ausstrahlung von Kompetenz.
Mehr als 100 Personen sind zum Seminar mit dem saloppen Titel „Es ist Stimmzeit“ gekommen – so viele, dass der Organisator, Dekanatskantor Johannes Klar, an die 30 Absagen verschicken musste und man den Proberaum im Pfarrheim St. Martin kurzfristig erweitert hat. Zwei Tage lang vermittelt Uli Führe, der Musikpädagoge und Komponist aus dem Breisgau, Stimmbildung und Singen für Chor. Und die Teilnehmer, sie sind hellwach und mit einer Freude dabei, die ansteckt.
Selbstverständlich ist das Stimmbildungs-Seminar keine Schweicher Lokalangelegenheit. Veranstaltet wurde es vom Fachverband Deutscher Berufschorleiter in Verbindung mit dem Landeschorverband und den Kreischorverbänden. Rund um Uli Führe sitzen erfahrene Sängerinnen und Sänger aus der Region. Die können rasch umsetzen, was Führe vorgibt.

Körpergefühl wird gestärkt

Was er trainiert, vermittelt er in Bildern, in alltäglichen Situationen. Zum Beispiel „vor dem Schwarzwaldhaus im Regen“ – da ist es kalt, alle schütteln die Schultern und legen Verspannungen ab. Oder „Wasser schippen“, „Wellen bilden“ und „die Schubkarre anheben“ – das stärkt das Körpergefühl. Oder auch das „alte, lispelnde Mütterchen“ – da geht es um Lippenbeweglichkeit und entspannte Gesichtsmuskulatur.Etwas Wichtiges kommt hinzu: Bei Führe ist Stimmbildung von Anfang an Musik. Schon nach den ersten Tönen teilt er die Teilnehmer in zwei Stimmgruppen und begleitet am Klavier. Es soll ein Singen sein mit sicherem Körpergefühl, aber ohne Druck und mit ausgeprägter Freude am vollen, runden Chorklang. Und plötzlich ist der da – klingend, und doch leicht und obertonreich.
„Mir geht es um Stimmbildung für Laien“ sagt Führe im Gespräch mit dem TV. „Ich will die normale Sprechstimme in Richtung Singstimme entwickeln.“ Sein Ideal ist der „artikulationsreiche Klang, ohne Druck, aber mit inneren Räumen“. Vorbilder? Zum Beispiel der RIAS-Kammerchor oder das Hilliard-Ensemble, das mehrfach in Trier auftrat und sich jetzt leider auflöst.
All das realisiert sich nicht von allein. „Wir müssen arbeiten, ganz gleich ob bei Bachs Johannes-Passion oder irgendeinem Schlager.“ Aber diese Arbeit macht immensen Spaß. Uli Führe lässt im Seminar nur Musik von Uli Führe singen – „da mache ich bei anderen nichts kaputt“. Seine Stücke sind popularmusikalisch inspiriert, swingen oft locker, und die meisten verpacken geschickt ein paar sängerische Übungen.

Individueller Prozess

Dabei stilisiert sich Uli Führe nicht zum stimmtechnischen Heilsbringer. „Singen ist ein individueller Prozess“, sagt er und betont sogar zweimal: „Nicht alles ist für alle richtig.“ Stimme und Persönlichkeit sind so eng verbunden, dass Stimmbildung Sache jedes Einzelnen bleibt. Umso wichtiger ist das Bewusstsein, im Chor Teil eines großen, klingenden Organismus zu sein.Dabei hilft die Chor-Improvisation. Führe teilt die Gruppe erneut und geleitet die einzelnen Stimmen durch ein Dickicht von Dissonanzen hin zu reiner Harmonie. Da ist Aufeinanderhören Pflicht. Sängerinnen und Sänger halten an ihrer Stimme fest und achten zugleich auf das klingende Umfeld. Singend hören und hörend singen – damit beginnt die echte Chorkultur. (Jörg May)

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